Samstag, 15. Februar 2025

Westafrika 17 Conakry nach Leipzig

Gegen 20 Uhr, nach ca. 35km Conakry, vielen Kaffees und Tees und am Straßenrand rumsitzen, habe ich meinen Rücksack im Hotel abgeholt. Ich fragte dann, ob ich ein Badezimmer für 20 Minuten haben darf, um mich zu waschen und umzuziehen. Das war möglich. Hach. Schön. Das zurecht gelegte Geld war wohl nicht notwendig. Doch einen Teil gab ich dennoch als Tip ab.

Ich war dann bereit für Reise. Es war noch ein bisschen zu früh. Ich ging in die Apotheke und dann in ein Restaurant, um das Geld los zu werden. Bier und Pommes.

Das Restaurant war nicht meine beste Entscheidung. 200m weiter gab es wirklich leckere Restaurants, lokal und mit gegrilltem Hähnchen. Tja. Jetzt habe ich kein Geld mehr.

Dann Taximoto und gesund, nicht selbstverständlich, angekommen. Es wäre ja auch echt schlimm, wenn auf der letzten Etappe was passiert.

Schaut mal, welche schönen Stempel ich gesammelt habe!


In Frankfurt nochmals Hani getroffen. Für ihn habe ich eine Box Zigaretten und Währungen aus allen Ländern mitgebracht und ich habe dann die Tüte in der S-Bahn vergessen. Shit. Hani ist aber ein cooler Typ. Er winkte ab und meinte, es gibt Schlimmeres.

In Leipzig wurde ich abgeholt und alles ist bestens. Als ich die Kinder auf mich rennend sah, wusste ich, was ich wirklich brauche und liebe.

Im Nachhinein ein paar Gedanken.

Man kann bei der Vorbereitung übertreiben. Moskitonetz braucht man z.B. um die Jahreszeit offensichtlich nicht. Und wenn schon, dann kann man nach der ersten leidvollen Nacht dort vor Ort was kaufen. Dort gibt es ja letztendlich alles. Das gleiche gilt auch für alle möglichen Schutzmittel. Womöglich kauft man sich in Deutschland die Malariaprophylaxe. Aber auch das, denke ich, würde es dort geben, wahrscheinlich günstiger.

Auch die vermeintlichen Geschenke, die ich mitgenommen habe, waren meistens Unfug. Es zeigt nur, wie wenig Ahnung ich von dort habe. Als ob die Leute sich über ein Multivitamin oder ein Deo wirklich freuen würden. Sehr albern von mir. Was sich ausgezahlt hat, sind die Maoams bzw. kleine Süßigkeiten. Diese zur Hand in der Tasche und bei Gelegenheit verteilen ist eine sehr nette Geste. Alle haben sich darüber sehr gefreut. Ob ein Bonbon, Maoam, oder Ähnliches, ist irrelevant. Schokolade ist leider ungünstig, obwohl diese sehr gut ankäme, wegen des Wetters. Wenn man also weiß, man hat eine Möglichkeit zum kühlen, dann ist Schokolade was Feines.

Alle Leute warnten mich vor der Reise, dass es unsicher sein könnte. Mindestens haben die Leute gefragt, ob ich sicher wäre, dass ich das möchte. Ich habe nirgendwo gelesen, dass es unsicher ist. Aufgrund der vielen Fragen wurde ich skeptisch. Nun, nach drei Wochen Afrika, kann ich nur sagen, dass ich mich durchgehend ganz sicher gefühlt habe. Ehrlich gesagt frage ich mich, woher dieser Ruf kommt. Wieso erlauben wir uns, so einen Ruf zu akzeptieren. Ist es unsere Arroganz, Ignoranz oder ist es einfach Rassismus?

Wenn ich ein blonde Frau wäre, wäre ich wahrscheinlich genau so sicher. Aber es könnte lästiger werden. Denn als nicht so "blonder" Mann musste ich viel Ansprache höflich abbügeln. Wenn ich blond und weiblich wäre, müsste ich davon vielleicht viel mehr abwehren. Oder auch viel weniger. Ich sah Alleinreisende europäische Frauen. Ich meine, sie wurden nicht belästigt.

Leider ist es so, dass eher die Doofen einen ansprechen oder gar belästigen. Die netten und anständigen Menschen lassen einen so oder so in Ruhe. Sinnvoller ist es immer, finde ich, wenn man selbst die Leute anspricht.

Meine Meinung, die ich nur zur Hälfte auslebe, wurde bestätigt, dass man weniger Material, weniger Luxus und auch weniger Arbeit braucht, um glücklicher zu werden. Denn nur so hat man Zeit zum Rumhängen, Abhängen, Quatschen, sich treffen, Etc. Wenn man ein hübsches Haus haben möchte, dann arbeitet man wie ein Verrückter, um das zu ermöglichen. Und wenn Zeit bleibt, dann repariert und putzt man am Haus rum. Wenn das an sich Spaß macht, dann schön. Sonst ist es albern. Lieber ein kleineres, weniger hübsches Haus und dafür Zeit, es zu genießen. 

Auch die Sicherheiten, die wir meinen zu brauchen, könnten ein bisschen zu viel sein.

Ich bin aber realistisch geblieben. Es ist nicht so, dass meine Begeisterung für die Menschen in Afrika bedeutet, dass ich lieber dort leben würde. In Deutschland geht es uns und mir viel besser.

Zusammengefasst: ich bin so froh, dass ich diese Chance hatte. Ich bin meiner Arbeit und meinen Kolleg:innen dankbar, dass ich ohne Not weg dürfte. Noch dankbarer bin ich Sandra. Sie hat mich ermutigt, meine Reise zu machen. Sie sagte mir, und hatte Recht, dass ich diese Reise brauche. Die ganze Zeit hat sie alles erledigt ohne ein einziges Mal mir das Gefühl zu geben, dass ich ihr was schulde. Ich weiß aber, dass ich das tue. Und zwar sehr gerne :)

Mittwoch, 12. Februar 2025

Westafrika 16 Conakry

Gegen neun machte ich mich in Pita auf den Weg. 10 Minuten später habe ich ein Auto klargemacht. Schlappe 3 Stunden später war das Auto voll und wir sind losgefahren. Keine 10 Stunden später hat mich das Auto mitten im Conakry abgesetzt. 22:00.

Wahrscheinlich war ich der erste am Auto. Ich fragte, ob ich doppelt bezahlen darf und den Platz neben dem Fahrer für mich ganz haben darf. Das geht. Umgerechnet 40 €. Es war mir ein bisschen peinlich, dass hinter mir die Leute sich eingequetscht haben. Doch dafür saß ich bequem und hatte sogar einen funktionierenden Sicherheitsgurt. Das Auto sah ganz passabel aus. Das beste bisher.

Das erste Drittel der Strecke, bis Mamou, war voll mit Schlaglöchern. Ich dachte, wenn wir so weiter fahren, brauchen wir bis zum nächsten Tag. Doch ab Mamou war die Straße in einem sehr guten Zustand. Das war aber nicht nur positiv. Denn das schnelle fahren war echt riskant. Ich freute mich sehr über den Sicherheitsgurt. Es war ein stop and go, die Verkehrsteilnehmer waren nicht harmonisch: Motorräder, schnelle und langsame, sehr langsame LKWs, stehen gebliebene Autos, etc.

Die Autos hier fahren richtig überladen. Offenbar lohnt es sich sonst nicht. Viele Autos haben eine Ladung auf dem Dach, die höher ist als das Auto selbst. Auf der Ladung sitzen noch Leute, hinten am Heck stehen auf der Stoßstange Leute oder sind Motorräder angeschnallt. Im Auto sind zwischen 13 und 16 Personen. Es folgen ein paar Fotos, wobei ich die krassesten Beladungen doch nicht rechtzeitig fotografieren konnte. Tiere. Kühlschränke. Ernte. Autoteile. Alles. Ich hab die ganze Zeit gewartet, bis ein Unfall passiert. Das war ein Nervenkitzel. Auch wahnsinnig viele Autos sind liegen geblieben, vor allem LKWs. Zum Glück fuhr unser Fahrer verhältnismäßig gut.

Gesund angekommen. Ich hielte das nicht für selbstverständlich und war deswegen froh.

Conakrys Ruf ist halb so schlimm, wie sie in Wirklichkeit ist. Dass ich mitten in der Stadt abgesetzt wurde, ist immerhin positiv. Am Rande wäre ich verloren. Denn mein Couchsurfing Gastgeber hat mich versetzt. Arschloch. Die Stadt ist über 40km lang und ca. 5-10 breit. Wir führen lange in übervollen Straßen. Alle wach und voll im Geschäft. Zu voll.

Ich ging Richtung Ozean, wo auf Google Maps das eine oder andere Hotel markiert sind. In der Tat gab es einen Schild und ich bin abgebogen nach circa 2 km Marsch. Auf dieser Strecke wurde ich 50 mal angefragt, ob ich nicht ein Taximoto (nicht Mototaxi, wie ich früher fälschlicherweise geschrieben habe) haben möchte. Irgendwann hab ich aufgehört abzuwinken. Das Hotel sah in einem nicht so guten Zustand. Es kostet 450.000 (ca. 50€). Zu teuer für die Stadt und für das Hotel. Aber so sind wohl die Preise in Conakry. Ich fragte, ob günstigere Hotels gibt. Der Rezeptionist hat mir glaubwürdig gesagt, dass andere Hotels noch teurer wären. Von Innen sah es noch schlimmer aus. Die Bettlacken haben zwar nicht so gut gerochen, sie waren aber wahrscheinlich gewaschen. Der Rezeptionist hat für mich die Klimaanlage angemacht. Allerdings gibt es keine Fernbedienung. Ich kann sie nicht ausmachen.

Zum ersten Mal in meiner Reise treffe ich auf ein feucht-heißes Klima.

WLAN funktioniert im Hotel nicht, dafür ist Frühstück inklusive. Ich bin nicht sicher, ob ich frühstücken soll. Denn ich habe wieder einen leichten Durchfall und ich kann es nicht riskieren, damit ins Flugzeug einzusteigen. Ich habe aber gefrühstückt 😅

Am nächsten Morgen habe ich Geld gewechselt und das Hotel bezahlt (Plötzlich nur 400.000, Ich hätte mehr verhandeln sollen). Ich habe meinen Rucksack im Hotel gelassen und bin ca. 30km gelaufen. Mit Flipflops. Aua. Die meisten Straßen sind hier asphaltiert. Aber als Fußgänger muss man eh neben der Straße gehen, da gibt es nicht 3 m eben am Stück. Löcher, Kanalisation, Felsen, Steine, Müll, etc. Wie in den bisherigen Städten, nur ein bisschen doller. Es gibt wenig Menschen zu Fuß. Spielende Kinder gibt es auch weniger. Als ich alles unschön fand, dachte ich, vielleicht habe ich die falsche Ecke erwischt.

Ich hab mich entschieden, in eine Richtung für 10 km oder 15 zu gehen, um zu schauen, wann sich das Bild ändert.

Fast alle Häuser sind hinter Mauern. Bessere Häuser haben sogar Stacheldraht oder Elektrozaun. Die Verriegelung der Fenstern mit Gittern habe ich schon in Bissau gesehen. Hier ist es aber wirklich extrem. Nur in den ganzen armen Viertel gibt es manchmal keine Mauer um die Häuser. Manchmal sind es mehrere Häuser, die gemeinsam eine kleine Gemeinde bilden, mit Hof und schon besserer Atmosphäre. Ob das Großfamilien oder Nachbarn sind, weiß ich nicht.

Ich fühlte mich hier sicher. Allerdings wird dieses Sicherheitsbedürfnis seinen nächtlichen Grund haben. Das hat vom kaum vorhandenen Charme der Stadt den Rest genommen.

In meinem Marsch fand ich, dass abseits vom Viertel wo ich war, auch nur die Hauptstraßen asphaltiert sind.

Hier gibt es keine Eselkarren, doch jede Menge Motorräder. Sehr lästig. Ähnlich wie in Labé. Und, zum ersten Mal, es gibt praktisch keine Schafen und keine Ziegen (und keine Schweine und keine Esel und keine Pferde und keine Katzen). Ich hab wenige Hunde gesehen. Hühner gibt es jede Menge.

Die Toren zu den Häusern sind teilweise mit mehreren Schlössern verriegelt. Als ich übrigens in Labé meine Simkarte gekauft habe, hat der Verkäufer seinen Schuppen, das sind 1x1m, wirklich, ischschwore, mit 14 Schlösser á la Escape Room abgeschlossen. Ich habe mitgezählt. Das war der Wahnsinn.

Hier gibt es vor mehrstöckigen Häusern, natürlich auch mit Mauern, immer Wachdienst. Bei reicheren Häusern auch Wachdienst. Ich glaube, wer nichts kann, wird Wachdienst oder fährt Taximoto.

Ansonsten wundert es mich, dass Guinea angeblich besser geht als Guinea Bissau. Ich fühlte mich in Bissau besser. Auch in Gambia war es irgendwie angenehmer, obwohl auch dort weniger Leben auf der Straße stattfand. Conakry und Labé sind ähnlich. Einmal sehen ist gut, aber nicht länger. Ich schleppte mich von einem Kaffee zum anderen und trank Tee oder Kaffee und versuchte den Tag tot zu schlagen. Mir wäre es am liebsten, wenn mein Flug sofort losgeht. Apropos Schlagen, in 20 Tagen habe ich keine schlechte Behandlung von einem Kind gesehen. Hier, an einem Tag, habe ich dreimal gesehen, wie eine Mutter ihr Kind schlägt. Und zwar ganz hart. Kinderarbeit gab es allerdings überall und zunehmend mit dem Nord-Süd-Gefälle. Hier in Conakry habe ich Kinder auf dem Bau gesehen. Das war herzzerreißend. Ich möchte nicht schwören, dass ich das in den anderen Ländern tatsächlich nicht gesehen habe oder ob meine Abneigung gegenüber Conakry mich das Negative eher sehen lässt.

Fotoserie

Mauern, Stacheldraht, Elektrozaun.

Mal ein Kaffee und mal ein Sandwich, solche Schuppen gibt es überall.

Offenbar gibt es eine Möglichkeit zur Steigerung der Autobeladung

Gerüst für den Bau. Hier werden in den Mauern Löchern eingeschlagen, in denen die Querstäbe reinkommen. Dann baut man höher oder verputzt oder was auch immer. Alle Rohbauten haben Löcher in den Wänden.

Kleine ummauerte Wohngemeinschaften oder abschließbare Gassen

Und Abwasser durch die Straßen in den schlechten Gegenden. Dort gibt es immerhin weniger Mauern 😊

Aber doch ein paar schöne Dinge, Mädchenfußballmannschaft, noch manche grünen Gegenden (es stinkt aber, weil das Wasser steht). Und ich hatte für einen ungeklärten Grund die ganze Zeit gute Laune.

Conakry ist sehr hügelig, man geht andauernd einen Berg ab oder auf. Aus der Weite sieht es echt schön aus. In den Tälern gibt es Wasser beziehungsweise Müllhalden und Abwasser. Ich bin auch zum Strand gelaufen. Es war Ebbe, und man hätte weit rein laufen können. Doch leider war es zu vermüllt.

Zusammengefasst, Conakry ist nur ein guter, aber kein krönender Abschluss der Reise 😅

Sonntag, 9. Februar 2025

Westafrika 15 Pita, Mistaba und die Wasserfälle

Ich nahm ein Mototaxi zum Gare de l’voiture. Dort ein Kaffee.

Dann ein Auto nach Pita. Eine Stunde. Das sitze ich doch auf einer Arschbacke ab (ernst gemeint).

Die in Airbnb angegebene Position war falsch. Umso zuvorkommender der Eigentümer. Ich wurde abgeholt.

Die unterkunft sah in Airbnb schlecht aus. Ich dachte aber, in Labé möchte ich nicht bleiben. Im schlimmsten Fall fahre ich weiter oder doch zurück zur isolierten Insel der Europäer in Labé.

Ich wurde aber positiv überrascht. Die Unterkunft ist mehr als passabel. Sehr gut ausgestattet. Eine Waschmaschine! Sehr freundliche Leute. Und mit einem schönen Ausblick.


Mistaba, der Bruder der Eigentümer, ist Lehrer. Doch heute, Sonntag, hat er frei. Er bot mir an, mich mit seinem Motorrad zu den Wasserfällen in Kinkon zu nehmen. Ich sagte zu. Die Fahrt war nicht lange. Auf dem Motorrad fühlte ich mich halbwegs sicher, weil er vorsichtig fuhr.

Es ist die Trockenzeit und es gab nicht viel Wasser in den Wasserfällen. Die waren aber trotzdem wunderschön. Ich kletterte sogar in das Flussbett rein und hüpfte von einem Felsen zum anderen. Ich hielt mich zurück und habe keine gewagten Sprünge gemacht. Ein gebrochenes Bein wäre das letzte, was ich hier gebrauchen kann. Scheißvernünft. Die nimmt einem den Spaß weg.

Danach schlug Mistaba vor, dass wir seine Familie besuchen. Wir waren kurz bei ihm zu Hause und ich habe seine Frau kennengelernt. Dann waren wir zusammen in seinem Stammcafé und tranken einen Kaffee. Danach machten wir aus, dass wir uns im Café erneut um 19:00 Uhr treffen. So war es.

Während unseres Ausfluges habe ich es ein bisschen bereut, mit ihm gefahren zu sein. Er wollte, dass wir ein Foto machen und dann fertig. Dass ich mir Zeit nehme, um dort zu verweilen oder zu wandern, war nicht drin. Ich fand das einengend.

Doch der gemeinsame Abend mit Mistaba hat das voll und ganz entschädigt. Mistaba hat in den Achtzigern in Sophia, Bulgarien, studiert. Er hat mir viel erzählt, über die Kultur Guinea, die Sprachen und wie er die Welt sieht. Leider war die Sprachbarriere da. Mein Französisch reicht bei weitem nicht für eine richtige Diskussion aus. Im Café habe ich einen Ingenieur kennen gelernt, der von der deutschen Ingenieurskunst begeistert ist. Er installiert Solaranlagen.

Mistaba singt. Er hat mir erzählt, dass er mit vielen Bands und sogar mit einem Orchester und in einer Oper gesungen hat und hat auch Lieder komponiert. Ich zeigte ihm Fotos von meiner Familie und er revanchierte sich mit Fotos über seine Zeit in Sophia und von seiner Familie. Er habe sogar ein Buch geschrieben über sein Leben und wie er zur Musik kam und was er da alles machte. Das Buch ist zwar fertig geschrieben aber noch nicht gedruckt. Ich fand es so schön, wie sehr es im Buch ihm wichtig ist, dass er Musik macht. Dabei hat er Finanzen studiert 😀

Apropos Finanzen, ich habe wieder Geld gewechselt und bin erneut ein Millionär:

Er bot mir dann an, dass er mich morgen früh kurz mit zu seiner Schule nimmt und mir diese zeigt. Das ist genial. Durch Mistaba werde ich mehr als erhofft vom Innenleben Guinea sehen. Ich bin ihm so dankbar.

Am nächsten Morgen saß ich auf dem Balkon und genoss die kühle Brise und die Aussicht in die Weite. Und einen Kaffee!

Hab ich erzählt, dass es bisher praktisch keine Mücken gibt? Grundsätzlich wenig Insekten. Womöglich wegen der Trockenzeit. Das ganze Zeug, das ich aus Deutschland mitgeschleppt habe, ist nutzlos.

Doch dafür gibt es gerade unter meinem Bett eine Eidechse/Gecko, an der Decke eine verrückte Fliege und im Wohnzimmer eine Grille, die so laut ist, dass ich mir überlege, ob ich sie lieber erschlagen soll 😄

Die besondere Behandlung, die ich genoss, ist größtenteils auf die Freundlichkeit und Neugierde beziehungsweise Interessiertheit von Mistaba zurückzuführen. Doch auch deswegen, weil hier kaum Weiße gibt. In Labé sah ich einen Australier und einen Franzosen in der geschützten Oase. Auf der Straße sah ich keinen einzigen Europäer. Das war ähnlich in allen bisherigen Städten bis auf St. Louis und Serrekunda. Hier in Pita bin ich vielleicht der einzige Weiße überhaupt 🙃. Mistaba hat mich vielen Leuten vorgestellt, und dass ich ein Besuch aus Deutschland sei. Ich bin quasi ein bisschen exotisch. Bei den Wasserfällen gab es nur eine kleine Gruppe von drei jungen Menschen, zwei Männer und eine Frau. Sie wollten nicht mit den Wasserfällen Fotos machen, sondern mit mir. Ich bin also auch eine Sehenswürdigkeit 😅.

Hier, in den hohen Teilen Guinea spricht man Pular. Die Kinder auf der Straße rufen mich „Porto“. Das ist das Äquivalent zu Toubab auf Wolof (Senegal und Gambia) und Branko auf Kryol (Guinea Bissau). Wenn ich an die Küste fahre (Conakry), ändert sich die Sprache. Dort sprechen die Leute Süssü. Dort bekomme ich also einen neuen Namen: Fouteh.

Alle Erwachsene und alle Kinder sind super nett. Was ich gelesen habe, dass manche Leute lästig sind, stimmt seltenst (gare de l‘voiture in Gabu war eine Ausnahme). Auch wenn es ums Geld geht. Bei manchen Dingen muss man aufpassen: Taxifahrer und ähnliche Transportangebote (manchmal Touristenführer genannt, sind es aber nicht). Auch beim Essen und Trinken wurde ich bisher nicht über den Tisch gezogen. Ich bekam fast immer die richtigen Preise genannt. Ich bereue es jetzt, dass ich am Anfang ein bisschen paranoid war. Andererseits denke ich, es ist normal, dass man am Anfang vorsichtig ist. Klar, wenn man das Geld zeigt und niemals nachfragt, dann zahlt man mehr. Etwas verhandeln ist immer wieder geboten und gehört zur Kultur.

Mistaba holte mich um 8:30 Uhr ab. Als wir in der Schule waren, verstand ich, wieso er zeitlich so flexibel war. Er ist kein Lehrer. Ihm gehört die Schule. Beziehungsweise die Schule gehört seiner Familie, denn seine kleine Schwester gründete sie. Er zeigte mir alle Klassenzimmer, von der Vorschule bis zur sechsten Klasse. In der sechsten Klasse, ganz lustig, wie in Deutschland, sind die Mädchen einen Kopf größer als die Jungs. Es gab auch eine kleine Baustelle auf dem Schulgelände. Sie planen die Klassen 7-12. Alles sah sehr ordentlich aus. Die Lehrer sehr freundlich. Die Schüler saßen hinter ihren Bänken und haben mich jedes Mal freundlichst gegrüßt.

Das ist eine private Schule. Die öffentlichen Schulen sollen nicht so gut sein. Ein Grundschullehrer in einer öffentlichen Schule verdient circa 3 Millionen geneische Franken. Das Geld sei ausreichend zum Leben, zumal man hier praktisch nie zur Miete wohnt. Ich fragte auch Leute im Café, wie sie die Position von Guinea schätzen, im Vergleich zu den umgebenden Ländern. Sie meinten, Guinea geht es am besten. Senegal und Elfenbeinküste geht es auch gut. Allerdings meinten sie sehr deutlich, dass es The Gambia nicht so gut geht wie Guinea. Als ich allerdings in The Gambia war, hatte ich ein anderes Gefühl. Ich glaube, es liegt sehr daran, dass in Gambia so viel Auslandhilfe gibt. Ich las so oft darüber, dass diese Entwicklungshilfe häufig kontraproduktiv ist. J, in The Gambia, erzählte mir zum Beispiel, dass sie in The Gambia praktisch rein gar nichts produzieren. Heute kam das jährliche Bericht von Transparency International über Korruption in der Welt. Guinea schneidet ganz gut ab, viel besser als viele europäische Ländern. D.h., obwohl seit drei Jahren nach einem Putsch die Militär regiert, das Land geht aufwärts. Das wäre ja top.

Dann nahm Mistaba mich zu einer Felsenformation mitten in der Stadt. Die Stelle sei von Touristen beliebt und manche zelten sogar dort. Ein Felsen sieht aus wie eine Frau mit Kind am Rücken und einer Platte auf dem Kopf. Ein übliches Bild auf der Straße.

Übrigens, ich sah viele Frauen mit Kindern auf dem Rücken und auch überhaupt viele Kinder. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich eine schwangere Frau sah. Entweder sind die Schwangerschaften sehr diskret oder die Frauen gehen nicht raus, wenn man das sehen würde.

Dann erneut Kaffeetrinken im Stammcafé. An der Tafel ist das letzte Tombola Spiel.

Dann nahm mich Mistaba zu seiner Freundin. Sie wohnt allein. Ihre beiden Kinder sind in Deutschland und in Frankreich. Sie bestand darauf, dass ich mit ihrem Sohn in Stuttgart telefoniere. Dann lud Mistaba mich zum Abendessen bei ihr ein.

Dann nahm mich Mistaba zum Markt und zeigte mir zwei Geschäfte mit Handwerk. Ledertaschen und Lederlatschen im ersten Laden. Stoffe im anderen Laden. Vielleicht kaufe ich da eine Kleinigkeit für die Kinder.

Dann endlich dürfte ich mein Programm starten. Nach natürlich noch einem Kaffee. Ich nahm ein Mototaxi zu einem 7 km entfernten Dorf und von dort aus ging ich zu weiteren Wasserfällen, Sere Djournde, die schön aussehen sollten.

Kaum Wasser. Es war dennoch eine sehr schöne Wanderung. Ich werde gleich jede Menge Fotos posten. Ich konnte lange Strecken im Flussbett gehen. Wenn aber eine Senke mit Wasser gab, bin ich ausgewichen und neben dem Fluss gegangen. Das war qualvoll. Meine Beine sind völlig zerkratzt und es war super anstrengend. Nach 3 oder 4 Stunden entschiede ich mich, den Fluss zu verlassen und Richtung des nächsten Dorfes zu gehen.

Bis dahin habe ich nur eine Person getroffen. Ein Jäger mit zwei Hunden. Als er sah, dass ich auf ihn zukomme, legte er seine Machete und sein Gewehr auf dem Boden hin und richtete sich auf und schaute zu mir. Ich fand das eine so nette und bedeutende Geste! Er wollte mir jede Angst nehmen, indem er sich entwaffnet hat.Typisch afrikanisch.

Nach 3 km Feldweg gab es einen kleinen Schuppen, wo ich Wasser gekauft habe. Als ich weitergehen wollte, hielt ein Mann mit einem Kind auf einem Motorrad an und fragte, ob ich in die Stadt möchte. Ich sagte ja und stieg drauf. Das war echt ein Stück Glück. Ich dachte nämlich, ich treffe bald auf irgendein Dorf. Wir führen bestimmt 8 km und es gab nichts. Ich hätte die ganze Strecke allein in der Hitze zu Fuß machen müssen.

Es war eine richtige Rally-Fahrt. Am Ende bekam ich einen Krampf im Bein, weil ich so verspannt saß.

In der Stadt gönnte ich mir ein fettes, dickes Sandwich. Ich kaufte Waschpulver für die Waschmaschine und ging nach Hause. Schon um 18:30 Uhr rief Mistaba an und sagte, er ist gleich bei mir zum abholen. Die Leute im Café fragten nämlich nach mir. Dorthin gefahren, Kaffee getrunken, dann in ein anderes Café gegangen und dort einen Tee getrunken, dann zu ihm nach Hause, wo er mir sein Buch ausführlich gezeigt hat. Seine Musik konnte ich nicht hören, weil die Musikanlage defekt ist. Dann waren wir in einem Restaurant essen.

So sieht ein Restaurant aus (im beigen Eimer ist eine Tonne Kouskous):

Ich fragte nicht nach der Einladung bei seiner Freundin. Vielleicht hab ich es ja mal wieder falsch verstanden.

Zu Hause stellte sich heraus, dass das Gecko die Grille ins Zimmer zu mir eingeladen hat. Nun habe ich in meinem Zimmer zwei Mitbewohner. Das Gecko / die Eidechse ist nicht so ein Problem. Es ist klein. Wenn ich im Bett liege geht’s ins Bad. Gehe ich zum pinkeln, rennt es unters Bett. Das ist okay, ich halt sowas aus. Doch die Scheiß-Grille

Ihr lacht!?

Grillen, sowie die aussehen und weil sie doch fliegen können, reihen sich für mich zu den Kakerlaken und den großen, dunklen Käfern. Es ist bei mir fast eine Phobie. Auch als ich mir selbst überzeugte, die Grille würde niemals auf mir krabbeln, war es nicht möglich zu schlafen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie laut sie war. Es hallte im Zimmer. Jedes Mal, wenn ich aufgestanden bin, um sie zu suchen, hörte sie auf. Ich legte mich hin, 5 Minuten später fing sie an. Ich nahm eine Schlaftablette mit der Hoffnung, ich kann ihr Zirpen überhören. Keine Chance. D.h. ich war müde, aufgeregt phobisch und richtig ärgerlich. Außerdem ist so ein Zirpen schwer zu orten. Ich dachte lange, sie ist in der runtergehängten Decke und somit für mich nicht erreichbar. Mein Plan, etwas früher ins Bett, wurde von dieser Grille torpediert. Gegen 1:30 Uhr habe ich mich entschieden, den Kampf ernster aufzunehmen. Ich hab das Licht angemacht und hab so lange gesucht, bis ich diese Scheiß-Grille zwischen meinen Sachen auf dem Boden fand. Zum Glück hatte ich noch eine Kaffeetasse im Zimmer. Zum Glück konnte ich vom ersten Versuch sie schnappen. So ein Vieh. Sieg.

Um 9:30 Uhr nahm ich an Mototaxi zu den Kambadaga Wasserfällen. Vorher habe ich mit dem Fahrer den Preis ausgemacht. 50.000 guineische Franken. Die Fahrt dauerte ein kleines bisschen mehr als 1 Stunde. Auf dem Weg dachte ich, ich gebe ihm doch 60. Dort angekommen hatte ich zum ersten Mal die Erfahrung, dass jemand sein Wort nicht hält. Bei 60.000 wollte er mehr. Ich wollte keinen Streit. Ich gab ihm noch 20. Er wollte mehr. Ich gab ihm noch 20. Er wollte mehr. Dann habe ich es nicht verstanden. Das ist mittlerweile doppelt wie die Vereinbarung. Ich habe es im Kopf schnell gerechnet. Benzinverbrauch. Tagessatz, auch im Vergleich zu einer Grundschullehrerin. Die Abmachung. Er konnte, glaube ich, nicht mal französisch, so dass ich überhaupt nicht verstanden habe, wie viel er möchte. Irgendwann war ich sauer. Ich ließ ihn mit den 100.000 stehen und ging. Manchmal bin ich albern. Sowas regt mich nachhaltig auf. Ich bin froh, dass ich ihm 100.000 gegeben habe. Bei weniger hätte ich womöglich ein schlechtes Gewissen, dass ich seine schlechte Einschätzung / Dummheit ausgenutzt hätte. Bei mehr hätte ich mich geärgert, weil es dann wirklich Verarschen wäre. Naja. Dafür haben diese Wasserfälle von Kambadaga alles entschädigt. Das ist mein dritter Ausflug in dieser bergischen Gegend und es sind die schönsten Aussichten. Ich bin begeistert von diesen Wasserfällen. Hier sind jede Menge Fotos.

Ich bin dann zurück gelaufen. Nach circa 5 km war ich an der Stelle, an der ich Eintrittsgeld bezahlte (ich bekam zwar ein Ticket, doch daran glaube ich nicht wirklich 😝). Der Mann, der das Geld mir am Anfang abnahm, war sehr verwundert, dass ich nun ohne Mototaxi unterwegs bin. Er lud mich zu einem Kaffee und zu einem Tee ein Und wollte dann auch kein Geld dafür haben, obwohl es bei ihm ein bisschen wie ein Café aussah. Nach weiteren 5 km hielte ein Mann an und fragte mich, ob ich zur Hauptstraße möchte. Ich bejahte es und stieg aufs Motorrad. 7 km später stieg ich ab und machte mich auf dem Weg nach Hause. 500 m später hielte noch ein Mann an und fragte mich, ob ich in die Stadt möchte. Ich bejahte es und stieg drauf. 7 km später stieg ich vor meinem Airbnb ab. Es kann auch so angenehm sein 😀.

Duschen. Körperpflege. Fußpflege.

Hunger!

Ab in die Stadt. Kaffee. Essen. Mistaba.

Tschüss Pita!

Dubai

Es gibt viele Flüge von Riad nach Dubai. Ob sich eine Bahnschiene nicht lohnen würde? Es sind ein wenig mehr als 1000km. Sonstiger öffentlic...