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Riad

Ich hatte kurz vor der Reise doch keine Lust und habe gehofft, es kommt was dazwischen und die Reise muss abgesagt werden. Quasi wie immer.

Es kamen keine passenden Ausreden. Der Flughafen wurde erst ein Tag später bestreikt und somit wurde mir die bestmögliche Ausrede weggenommen. Mit der S Bahn zum Flughafen. Es fällt mir auf, dass sie im Leipziger Flughafen bei den Kontrollen sehr streng sind. Ich behaupte, das liegt daran, dass sie Zeit bzw. wenig Passgieeraufkommen haben. In Frankfurt läuft es anders ab. Flug pünktlich, in Istanbul umgestiegen und dann auch weiterhin pünktlich. Übrigens, der neue Flughafen von Istanbul hat eine ähnliche, längliche Struktur wie der Alte. Der Neue ist aber riesengroß. Dieser Flughafen ist den Türken gut gelungen. Wir sollten uns mal eine Scheibe abschneiden.

Der Flughafen in Riad ist eine Mischung aus Leipzig und Istanbul. Leer und riesengroß. Als ich ankam, war ich noch müde. Ich suchte mir eine gepolsterte Bank und hab noch ein bisschen geschlafen. Dann ginge ich in den Gebetsraum und habe mich frisch gemacht und meine ordentlichen Sachen angezogen.

Taxi oder Metro?

Metro natürlich.

So ein cooler Metro. Modern und sauber. Es gibt Abteile für Singles und welche für Familien (also Frauen) und es gibt auch eine "First Class" Waggon. Alles elektronisch und mit viel Schnickschnack. Das Metro in Riad ist nigelnagelneu, nur wenige Monate her.


Nach dem Umsteigen müsste ich auf einen Bus warten. Die Haltestellen hier sind klimatisiert. Das klingt absurd, sei aber in der heißen Hälfte des Jahres unabdingbar, wenn man möchte, dass irgendwer den benutzt.

Das dauerte mir aber mit dem Warten zu lang. Ich nahm daher einen Taxi. Nicht so eine gute Entscheidung. Der Fahrer fuhr falsch und meinte, es sei mein Fehler, weil ich die Angabe sungenau machte. Das kann wahr sein, doch ich bin nicht überzeugt. Ab jetzt fahre ich Uber und co (heißen hier auch Careem und Bolt).

Ich bin dann direkt zum Krankenhauskampus gefahren. Ein riesengroßer Campus (und nicht der einzige Riad . . . ). Research Center und Center for Genomics gefunden. Meine Gastgeberin wurde angerufen und hat mich dann abgeholt. Jetzt sitze ich mit ihr und einem Kollegen in einem kleinen unordentlichen Büro und warte, weil sie noch sich auf was vorbereiten muss.

Mir war vorher nicht klar, dass es sich hier nur um Forschung geht und dass keine übliche Patientenversorgung bei ihr gibt. Das sei eine andere Abteilung. Mal schauen, ob man für mich Zeit haben würde. Wenn das heute nichts wird, mache ich morgen die Altstadt Riad, das Nationale Museum und schaue, ob ich das eine oder andere Geschenk besorgen kann. Meine Gastgeberin, L, führte mich durch zwei Labore. Sie sehen ähnlich wie unsere aus, aber weniger aufgeräumt :). Ich vermute, es liegt daran, dass diese Forschungslabore sind. In letzter Zeit sah ich fast nur zertifizierte, geleckte Diagnostiklabore.

Es passierte kaum was mehr und dann ginge ich zum AirbnB Apartment und schrieb eine enttäuschte Mail an L. Sie antworte schnell, es tat ihr leid und wir wollten am nächsten Tag mehr machen. 

Der Abend war so schön. Nach einem Mittagsschläfchen ginge ich für einen Spaziergang in der Stadt. Riad ist eine Stadt für Autos. Es ist nicht vorgesehen, dass Menschen auf ihren eigenen Beinen gehen. Angeblich ist alles im Wandel und die Stadt jetzt schon relevant besser als vor 10 Jahren. Entlang vollen Highways und durch unbelebte Zwischenstraßen gelang ich aber zu den wenigen, aber wunderschönen vollen Straßen der Sulemaniya. Aufgehübschte, breite Bürgersteige, schöne Läden und Restaurants und die Menschen sehr entspannt. Frauen mit Kopftuch, ohne Kopftuch, mit Burkah, Männer in typischen Kleid, in Jeans, in Shorts. Alle sitzen vor und in den Restaurants und Cafés und das Bild erinnert kein bisschen an das streng muslimische Saudi Arabien. Alle hier sind sehr froh über diese Entwicklungen und meinen, bei fast allen kommt es sehr gut an. Dabei hatte ich vorher Sorge, ich muss immer in die "Single Männer" Teile von Cafés gehen.


Jede Menge Fancy Häuser. Und VIEL Licht. Alles beleuchtet. Auch die privaten Wohnvillen, welche mit hohen Mauern eine Art Festung sind, sind beleuchtet, teilweise mit Scheinwerfern und die Palmen vorm Haus haben blinkende Weihnachtslichter. Restaurants und Cafés alle sehr hell. Hach. Ich mag das. Ich weiß aber, dass die meisten Lesenden sagen würden, dass mit so viel Licht es nicht kuschelig wird. Hier sehen sie es anders.

Und das Essen! Ein Traum. Man kann hier in Riad am Besten einen Essenurlaub machen. Sooooo lecker. Oh Mann. Schade, dass ich nicht noch mehr essen kann. Lauter Syrer, Libanesen, Ägypter, Palästinenser, Asiaten, Pizza, Amerikanisch, Jemeniten, Gerüche und alle möglichen Smoothies, Eis und Süßigkeiten. So viel. Und so lecker. Und relativ preiswert. So viel Essen in so guter Qualität auf den Straßen im Angebot habe ich noch nie gesehen. 

Ich traf mich dann mit meinen Kumpeln aus der Schulzeit. Ousama kenne ich seit der zweiten Klasse. Abou Bakr seit der 4. Und Ahmad kannte ich nicht so gut, aber immerhin seit der 10. Klasse. Alle sind jetzt schon älter, Kinder teilweise im Studium. Graue Bärte. Glatze. Man sieht das bei einem selbst nicht. Aber bei anderen in einer Art Spiegel. Es war ein sehr schöner Abend. Bis nach zwei morgens saßen wir (und dann wurde es auch kalt). Lockere Gespräche über die alten Zeiten aber auch interessante Gespräche über Politik in Syrien und in Deutschland und über soziale Themen. Mal für euch eine Auswahl von Sachen, die meine Freunde anders sehen als ich

- Man kann das Geld, was man den Geflüchteten gibt, an die Deutschen verteilen, so dass Kinderbekommen attraktiver und möglicher wird.

- Werbung für Homosexualität in den öffentlichen Schulen in Deutschland ist unangebracht. 

- Unterstützung von Homosexuellen ist nicht gut, weil das andere, die es in Wahrheit nicht sind, dazu bringt, es auch zu machen.

- Denn Homosexualität ist eher erworben. Wenn man davon nichts sieht oder erfährt, wird man das eher nicht.

- Transsexualität ist die schlimme Steigerung. So krass, dass man teilweise gegen den Willen der Eltern agieren kann und eine OP am Kind machen darf, auch wenn die Eltern diesem nicht zustimmen (angeblich so in Kanada)

- Und natürlich Themen über Syrien

Klingt für euch krass? Nein. Das ist die moderate Meinung von vielen Menschen in vielen Ländern. Sie nehmen an, sie sind tolerant genug, indem sie die Homosexuellen in Ruhe lassen, so lange diese für sich keine Werbung machen. Ich hatte dennoch eine schöne Zeit mit meinen Kumpeln. Durch solche Gespräche werde ich toleranter gegenüber Meinungen. Denn die Lösung, um gegen solche Meinungen anzukämpfen, ist nicht eingeschnappt weggehen, sondern darüber reden. Ich behaupte, sie sind nach dem Gespräch ein bisschen nachdenklicher geworden. In Deutschland kann man das auf AFD Wähler übertragen. Ich kenne mehrere und ich halte Kontakt zu denen. Gerade den Grünen wird nachgesagt, dass sie sich nur in ihrer Blase bewegen. Das kann ich mir vorstellen.

Am nächsten Tag haben wir, L. und ich, uns kurz unterhalten. Ich schaute ihrem Stunden über die Schulter, wie er (mit Excel) Exome auswertet. Ich schaute ihr auch kurz über die Schulter. Zu mehr kamen wir nicht.

Ich ging etwas eher nach Hause. Ich muss zugeben, dass ich mehr erwartet habe. Doch wahrscheinlich übertrage ich unsere Art in Deutschland zu sehr hierher. 

Dafür waren die Abende so schön!

Denn nach dem Mittagsschläfchen (bis 19 Uhr) und dem Spaziergang (bis 22 Uhr) traf ich mich erneut mit der Klicke (dazu dieses Mal noch Waseem) und wir hatten nicht so konfliktreiche aber dennoch schöne Unterhaltungen . . . . das Essen war wieder krass lecker. Hach. Erst um halbfünf am Morgen zuhause gewesen. Bis nach 12 geschlafen. Das ist Urlaub ✌


Ich blieb im Bett und habe ein paar Dinge erledigt und bin dann gegen 15 Uhr los gefahren zu dem Treffpunkt mit L. Sie schlug vor, dass wir gemeinsam zum Fastenbrechen essen. Na klar. Sie suchte einen genialen Ort aus. Das war in Al Turaif, quasi die Hauptstadt der Saudischen Dynastie vor Riyadh (und nur ca. 15km entfernt). Al Turaif und andere kleine Dörfer sind um einen Wadi (Tal mit saisonalem fließendem Wasser) und machen zusammen "Al Duriyaa". Das Palast und die Häuser sind mittlerweile ca. 250 Jahre alt und von den Othmanen bereits in 1818 zerstört. Die Restaurierung ist aber mit viel Liebe und VIEL Geld geschehen, mit Lichtern, Wegen, kleinen Ausstellungen, und davor eine Restaurant-Meile vom Feinsten. Sehr schön!

Mit L hatte ich sehr viele interessante Gespräche. Ich hatte einige Einblicke in die hochgebildete, offene Saudische Gesellschaft, die doch noch eine starke Bindung zur Familie und zur Religion hat. L erzählte mir viel über die Gesellschaft, die Stadt, sich selbst, Forschung und viel mehr. Das war der beste Teil der Reise. Der Teil, in dem ich neue, coole Menschen kennenlerne und über sie und ihr Leben erfahre. L. ist eine interessante und offene Frau. Sie bestand dann darauf, alles zu bezahlen und das war nicht wenig. Wir waren in einem so feinen (und leckeren) Restaurant, in dem der Kellner einem das Essen auf den Teller macht und das Wasser einschenkt.

Beim Abschied fragte mich der Chefkellner, woher in komme. "Aus Syrien". Er aus dem Libanon. Ich sagte "nun werden wir euch endlich in Ruhe lassen". Da sagte er "nun hat ER (Redaktion: gemeint ist Assad) uns alle endlich in Ruhe gelassen" und "Wir Libanesen mögen euch Syrer". "Ja, wir mögen auch die Libanesen. Ich bin ja quasi einer, weil mein Großvater aus Kfeir bei Hasbaia kommt". Das sprang der andere Kellner bei und sagte "Was!? Ich komme aus Kfeier". Ein krasser und schöner Zufall :) Die Welt ist irgendwie klein. Das Dorf ist ein kleines Loch im südlichen Libanon und die Gründstücke, die mein Großvater dort hatte, werden wahrscheinlich für immer an die Gemeinde zurückfallen, weil keiner sich kümmert. Auch gut.

Am nächsten Tag verließ ich das Apartment gegen 10 und besuchte auf dem Weg zum Flughafen das KAFD (Kind Abdullah Finance District). Ein Wolkenkratzer mit fast 80 Etagen, dazu weitere 93 Hochhäuser mit häufig über 20 oder 30 Etagen. Ein krasses Viertel, das mir überdimensioniert erschien. Doch vielleicht ist es besser, direkt groß zu bauen, als dass man während des Bauens mit der Erweiterung anfängt. Leider gab es dort kein Mall und ich konnte nicht schauen, was man sonst so kaufen könnte. Irgendwie bin ich beim Kaufen echt schlecht geworden . . .








Ab nach Dubai.

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